Platen-Gymnasium Ansbach

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LesArt 20106. Januar 2011

Die Autoren Gunter Haug und Dirk Kruse zu Gast am Platen-Gymnasium

Beteiligung des Platen-Gymnasiums an der LesArt 2010

 Haug 3Auch im Jahr 2010 war das Platen-Gymnasium die einzige Ansbacher Schule, die sich an der LesArt Ansbach beteiligte. Gleich zwei Autoren waren bei uns zu Gast: Gunter Haug und Dirk Kruse. Die LesArt Ansbach ist eine vom Kulturverein „Speckdrumm" organisierte Literaturwoche, bei der - im Unterschied zur regional ausgerichteten LeseLust im Frühjahr - verstärkt Autoren aus anderen Bundesländern oder gar aus dem Ausland kommen. Bedauerlich ist allerdings, dass viele namhafte Autoren - anders als Frau Neudecker im vergangenen Schuljahr - entweder generell nicht zu Schullesungen bereit bzw. für Schulen zu teuer sind, auch schon mal - wie in diesem Jahr Frau Hermann - eine Schullesung sehr kurzfristig absagen oder - das ist ebenfalls bereits vorgekommen - ihre Honorarvorstellungen spontan nach oben korrigieren. Umso mehr gilt mein Dank jenen Autoren, die jugendliches Publikum nicht scheuen, Lesungen an Schulen ebenso verlässlich absolvieren wie Abendlesungen und uns preislich sogar ein wenig entgegenkommen. Denn nur so kann Schule das leisten, was vielerorts gefordert wird: lebensnah und lebendig bleiben. Nur so kann auch im städtischen Kulturleben das passieren, was dringend Not tut: einerseits jugendliches Publikum und andererseits Nachwuchsorganisatoren für kulturelle Abendveranstaltungen in der Stadt gewinnen - egal, ob es hierbei um Literatur, klassische Musik oder Malerei geht! Befremdlich mutet es in diesem Zusammenhang an, dass die „Fränkische Landeszeitung" generell nicht mehr über Autorenlesungen an Schulen berichtet.

 

Gunter Haug gibt Einblick in die Lebensgeschichte der Pioniere Bosch und Daimler

 

Nachdem die für ihre eindringlichen Kurzgeschichten bekannte Berliner Autorin Judith Hermann uns im Stich gelassen hatte, sprang - dank der Vermittlung von Frau Waßer, der Filialleiterin von Bücher Pustet - Gunter Haug am 08.11.2010 kurzfristig in die Bresche. Das war umso erfreulicher, als es sich bei diesem schwäbischen Autor mit fränkischen Wurzeln um einen meiner Wunschkandidaten für künftige Lesungen handelte, der vielen mit seinem Bestseller „Niemands Tochter" (2002) ein Begriff sein dürfte, in welchem er das Leben seiner Großmutter und damit das Leben der einfachen Leute im Rothenburger Raum in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - insbesondere ihr Leid und ihren Überlebenswillen in den beiden Weltkriegen - beleuchtet. Wenngleich Gunter Haug auch Kriminalromane rund um den Kommissar Horst "Hotte" Meyer verfasst hat, so ist er doch eher bekannt für seine historischen Tatsachenromane, von denen er seine beiden neuesten im Gepäck hatte, nämlich „Robert Bosch - Der Mann der die Welt bewegte" (2009) und „Gottlieb Daimler - Der Traum vom Fahren" (2010).

Haug 2Gunter Haug, der sich selbst als „Mann des Wortes" bezeichnet, u.a. Geschichte studiert hat, es als Rundfunk- und Fernsehredakteur bereits 1991 zum Fernsehnachrichtenleiter des SDR bzw. des SWR gebracht hatte und von 2001 bis 2003 als Dozent für Medienmanagement an der FH Künzelsau tätig war, kehrte dem Journalismus den Rücken, weil das Berichten über Personen und Ereignisse im Radio und im Fernsehen aufgrund der knappen zeitlichen Begrenzung der Beiträge oft auf so wenig Information reduziert werden muss, „dass es ans Fahrlässige grenzt". Die Romane hingegen geben ihm die Möglichkeit, historische Personen in ihrer Entwicklung zu zeichnen, die Vielschichtigkeit ihrer Persönlichkeit herauszuarbeiten, aber auch die vielfältigen Einflüsse, die sie geprägt haben, aufzuzeigen. Teils lesend, über weite Strecken jedoch auch frei erzählend gelang es Gunter Haug, die beiden Unternehmer Bosch und Daimler vor den Schüler(inne)n der 11. Jahrgangsstufe zum Leben zu erwecken. Überrascht erfuhren sie, dass die genaue Kenntnis der Texte von August Graf von Platen oder von Heinrich Heine  Robert Bosch in der Schule nicht Lob, sondern Tadel eintrug, weil sie ihn als Sohn eines demokratisch gesinnten Freigeistes auswies, der in der Tat drei Monate auf der Festung Hohenasperg, dem sog. „Tränenberg", gefangen saß. Dementsprechend gab es eine alte Tradition in der Familie Bosch, die darin bestand, dass die Männer von Zeit zu Zeit nach Paris zum Grab Heinrich Heines pilgerten. Robert Bosch sah sich stets als Sozialist und Humanist. Er hat den 8-Stunden-Tag und den freien Samstagnachmittag eingeführt. Seine Sparsamkeit galt als legendär; zugleich war er dafür bekannt, seinen Arbeitern höhere Löhne zu zahlen als andere Unternehmer, was er mit den Worten kommentierte, dass er gerade deshalb so reich sei, weil er so hohe Löhne zahle.

Haug 1Gespannt lauschte man auch Herrn Haugs Ausführungen zum Leben Gottfried Daimlers: seiner Begegnung mit Maybach, dem  Ursprung des Mercedes-Sterns als Zeichen von Daimlers Vision auf einer Postkarte, welches von seinen Söhnen als Markenzeichen übernommen wurde, der Probefahrt des Sohnes Paul Daimler mit Hilfe eines Explosionsmotors am Datum von Schillers Geburtstag und der Schilderung des ersten Autounfalls in Deutschland. Erstaunen erregte der Hinweis, dass bereits Bosch und Daimler klar gewesen sei, dass die Zukunft dem Elektro-Auto gehöre. Gemeinsam sei beiden Unternehmern, dass sie es ihren Mitarbeitern gegenüber nie an Respekt fehlen ließen und dass nicht nur Intelligenz, sondern auch Fleiß entscheidend zu ihrem dauerhaften Erfolg beigetragen hat. Zum 125. Jubiläum des Automobils im Jahr 2011 wird übrigens die Lebensgeschichte der Automobil-Namensgeberin Mercedes Adrienne Ramona Manuela Jellinek (1889-1919) erscheinen:  „Das Fräulein Mercedes - Ein Mädchen erobert die Autowelt".

Alles in allem durften wir Gunter Haug aber nicht nur als Autor erleben, sondern auch als politisch engagierten Menschen, der seine Überzeugungen lebt und dafür einsteht: Gunter Haug kritisierte in einem offenen Brief an den baden-württembergischen Ministerpräsidenten  Mappus den Wasserwerfereinsatz bei Demonstrationen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21, woraufhin eine in Haugs Geburtsort Bad Cannstatt angesetzte Lesung vom dortigen Bezirksbürgermeister abgesagt wurde ...

 

 

Dirk Kruse erzeugt Spannung mit einem Augenzwinkern

 Kruse 1Am 10.11.2010 las der in Norddeutschland geborene, aber in Nürnberg ansässige Journalist und Krimi-Autor Dirk Kruse vor den zehnten Klassen aus seinem neuen Krimi „Requiem" und stand darüber hinaus noch Schülern der Q 11 zu einem Werkstattgespräch zur Verfügung. Dirk Kruse, der hauptberuflich als Literatur- und Theaterkritiker, Moderator und Nachrichtenreporter für den Bayerischen Rundfunk arbeitet, hat mit Frank Beaufort einen Gentleman-Ermittler erschaffen, der einen sprechenden Namen trägt: der schöne und starke Franke. Eine Erbschaft ermöglicht es Frank Beaufort, sorglos seinem erlesenen Geschmack und seiner Bücherliebe zu frönen. Egal, in welchem Milieu er ermittelt, die typischen Verhaltensweisen eines gebildeten und feinsinnigen Menschen zeichnen ihn aus - entweder im Einklang oder eben im Widerspruch zu seinem Umfeld. Dies ist nur eine von mehreren Gesetzmäßigkeiten der Figurenkonzeption, die der Autor den Schülern erläutert. In „Requiem" geht es um grotesk inszenierte Morde an Neonazis rund um den Nürnberger Dutzendteich. Zu Beginn der Arbeit an einem neuen Roman stehe - so Kruse - bei ihm meist die Wahl des Schauplatzes. Denn Orte seien für ihn besonders inspirierend, so z.B. das Reichsparteitagsgelände, welches die Faszination von Gewalt symbolisiere, was im Dritten Reich, aber auch in der heutigen Neo-Nazi-Szene eine Rolle spiele. Sind Ort und Personenkreis für den Krimi gefunden, beginnt die Recherche, welche Monate, zuweilen auch Jahre dauern kann und in diesem Fall vom Autor das Eintauchen ins rechtsradikale Milieu ebenso wie ins Judentum sowie in die Antifaschisten-Szene erforderten. Wichtig sei es, einer Thematik einen besonderen Aspekt abzugewinnen. Dies tat Kruse, indem er nicht in Schwarz-Weiß-Malerei verfiel und die Neonazis nicht - wie sonst üblich - nur als Täter darstellte, sondern sie zu den Opfern eines Serienmörders werden ließ. Bei der Entwicklung des Plots gebe es allerdings auch Zwänge, die im Genre oder in der Logik begründet lägen. So müsse ein Krimi immer mehrere Verdächtige mit glaubhaften Motiven anbieten. Jahreszeitlich gelte es, sich festzulegen, so dass nicht sowohl das Volksfest als auch das Norisring-Rennen vorkommen könnten. Dem Publikum wird klar, dass Dirk Kruse beim Schreiben eines Romans sehr strukturiert vorgeht. Da Unpassendes bereits beim Entwickeln des Handlungsgerüstes verworfen wird, landen später nur selten bereits ausgearbeitete Textstellen im Papierkorb. Das Niederschreiben selbst dauert etwa ein Jahr, wobei das Nordlicht Kruse allerdings fränkische Passagen immer von einem waschechten Franken gegenlesen lässt.

Kruse 2Gekonnt und kurzweilig mischt Dirk Kruse Lesepassagen und Erklärungen zur schriftstellerischen Arbeit bzw. Anekdoten aus seinem Schriftstellerleben. Man erfährt, dass Kruse sich durchaus auch ganz bewusst bestimmter Leitmotive bedient, wie z.B. gewisser Reibungen zwischen Frank Beaufort und anderen zentralen Figuren in seinem unmittelbaren Umfeld.  Etwas deftigere Szenen bilden einen absichtlich geschaffenen Kontrast zum feinsinnigen Wesen des Kommissars, der es z.B. verabscheut, öffentliche Toiletten zu benutzen. Die Idee, die Klo-Szenen bewusst leitmotivisch einzusetzen, kam Kruse, nachdem eine Dame bei einer Lesung in den ausgewählten Passagen auffällig viele Klo-Szenen zu entdecken meinte. Aus Zufall wurde nun Methode!

Kruse signiertLetztlich ist aber Dirk Kruse seinem Gentleman-Ermittler gerade hinsichtlich des Sinns für Ästhetik und der bibliophilen Neigung sehr ähnlich, so dass er den Jugendlichen eine sehr wertvolle, mit Originalgraphiken illustrierte Ausgabe seines Krimis „Beichte eines Mörders" zeigte. Außerdem stellte er die Postcard-Storys des Ars-Vivendi-Verlags vor und plauderte über das Erlanger Poetenfest, welches alljährlich am letzten Augustwochenende im Erlanger Schlosspark stattfindet, wo in halbstündigem Rhythmus namhafte Autoren und Autorinnen im Park lesen und anschließend den Moderatoren, wie z.B. Dirk Kruse, bei Podiumsdiskussionen Rede und Antwort stehen. Bücherfreunde sollten sich das Erlanger Poetenfest auf keinen Fall entgehen lassen!  

Martina Herda 

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