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Nora Gomringer begeisterte ihr Publikum am Platen15. Oktober 2010

Nora Gomringer, die Galionsfigur des deutschen Poetry-Slam, war zu Gast am Platen-Gymnasium

 

Was da am 01.10.2010 im C-Bau ratterte und röhrte waren nicht die Bohrmaschinen, die bei den aktuellen Umbaumaßnahmen im Einsatz sind, sondern es handelte sich um ein menschliches Sprachgewitter. Nora Gomringer, Jahrgang 1980, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Slammerin aus Bamberg, die bereits als Abiturientin einen Gedichtband veröffentlicht hatte, war angetreten, um den Schüler(innen) der K 13 Gedichte einmal so ganz anders zu präsentieren, als sie das aus ihren Deutschbüchern gewohnt sind.

 

Ein Poetry-Slam, bei dem verschiedene Dichter – meist Laien – mit ihren eigenen Texten in kurzer Folge hintereinander auftreten und sich einer Publikumsjury stellen, die vor allem die Performance bewertet, fand an der Schule zwar nicht statt, aber Nora Gomringer blieb bei der Darbietung ihrer heiter-tiefgründigen, oft ironisch zugespitzten Gedichte ihrem klangbetonten und lautmalerischen Vortragsstil treu. Wenngleich die Autorin sich aus der aktiven Poetry-Slam-Szene, die sie über ein Jahrzehnt dominierte, mittlerweile ein wenig zurückzieht und als seriöse Lyrikerin gilt, so hat ihr Vortrag doch nichts an Sprachgewalt eingebüßt: Es donnnnerrrrte und zischschschte. Und obwohl eines ihrer Gedichte bereits im Abitur zu analysieren war und Nora Gomringer seit April 2010 Direktorin des Bamberger Künstlerhauses „Villa Concordia“ ist, wirkte sie kein bisschen gesetzt, sondern salopp und publikumsnah, so dass gewiss manchem die Berührungsangst mit moderner Lyrik genommen wurde. 

 

Die Künstlerin, die längere Zeit in den USA gelebt hat, begeisterte nicht nur mit deutschen, sondern auch mit englischen Gedichten. Ihrem jüngsten Lyrikband „Nachrichten aus der Luft“ entstammte das Resümee einer Liebesnacht in kalten Zahlen, welches mit dem ernüchternden Hinweis endet, dass sich beim SMS-Schreiben das Wort “inniglich“  mit Texterkennung „honiglich“ tippt. Gomringer hat viel Zeitgemäßes, viel Allgemeingültiges und zuweilen Skuriles mitzuteilen. Landschaften und Reisen inspirieren sie, wie etwa ihr dreimonatiger Aufenthalt in Nowosibirsk: Die russische Seele (v.a. die männliche) ist erstaunt über die „laute Frau, die so schnell spricht“ und natürlich darüber, dass eine Frau überhaupt so viel zu sagen hat. Die deutsche Dichterin bangt im Gedicht und im Gespräch um die russische Seele (auch die weibliche), die – in Erwartung der baldigen Übersiedlung nach Deutschland – im Goethe-Institut in Russland interessiert deutscher Gegenwartslyrik lauscht, aber sich in Deutschland wahrscheinlich mit einem Putzjob begnügen muss. Nora Gomringer nimmt uns auch mit auf manche Gedankenreise, z.B. zur bedeutenden Schriftstellerin Friederike Mayröcker, die gar zu oft im Schatten ihres Lebensgefährten Ernst Jandl stand. Außerdem erlebt das jugendliche Publikum Lion Feuchtwanger bei seiner täglichen, surreal anmutenden  Sportstunde, die ihm seine Frau – als Ausgleich zu seinen zahlreichen Eskapaden – abgetrotzt hat und nun mit strengem Blick beaufsichtigt. Die Deutschlehrer freut das Bekenntnis der Dichterin zum bewusst gesetzten Zeilensprung, also zur wohl überlegten Verwendung von Stilmitteln. Gomringers Definition eines gelungenen Gedichts bleibt dennoch lebensnah: Ein gutes Gedicht ist eines, das „den Kern des Lebens mit Humor und Ironie erfasst“ und das „im Leser etwas bewegt“, ihm Denkanstöße gibt, ihn verändert.

Martina Herda

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