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Rolf-Bernhard Essig und Felix Huby am Platen5. Dezember 2011

Im Rahmen der LesArt 2011 waren zwei Koryphäen zu Gast am Platen-Gymnasium: Rolf-Bernhard Essig und Felix Huby

Rolf-Bernhard Essig - der Papst der Redensarten

 Für die achten und neunten Klassen war am 07.11.2011 der Bamberger Literaturdozent und Musik-Kritiker Rolf-Bernhard Essig am Platen-Gymnasium eingeladen, der manchen in der Region ein Begriff sein dürfte, weil er in der Samstagsausgabe der FLZ, aber auch in überregionalen Zeitungen wie der „Zeit" und der „Süddeutschen" regelmäßig Redensarten erklärt und alleine oder mit seiner Frau Gudrun Schurig Bücher wie „Butter bei die Fische" oder "Wie der Klatsch zum Kaffee kam" verfasste. Weniger bekannt ist, dass er den bibliophilen Band „Bilderbriefe - Grüße aus drei Jahrhunderten" herausgegeben hat, in welchem Briefe veröffentlicht sind, die bekannte Dichter - wie Goethe, Hesse oder Grass - geschrieben und selbst illustriert haben.

 

Außerdem befasste sich Rolf-Bernhard Essig mit dem Thema „Wann ist ein Held ein Held?" Mit dieser Frage leitete er sein Gespräch mit unseren Schülern ein, indem er zunächst aus seinem gleichnamigen Buch das erste Kapitel über den Terroranschlag auf die New Yorker Zwillingstürme des World Trade Center las, in welchem deutlich wird, dass sowohl die Terroristen als auch die Retter der Opfer - je nach Standpunkt - als Helden bezeichnet wurden. Somit erzeugte er ein Bewusstsein dafür, dass es abhängig von persönlichen Einstellungen und historischen Situationen ist, ob einer als Held gefeiert wird oder eher als Schuft gilt. Einig war man sich darüber, dass der in München bei der Verteidigung von wehrlosen Kindern zu Tode geprügelte Dominik Brunner wohl als Alltags-Held zu betrachten sei. Den Abschluss der Helden-Diskussion bildeten in diesem Zusammenhang Tipps für Zivilcourage: So solle man sich im Ernstfall Mithelfer suchen, wobei die Chance, diese zu finden, größer sei, wenn  man Hilfe nicht allgemein einfordere, sondern auf einzelne Personen direkt zugehe und sie konkret anspreche.

 Mit der meist ironisch gebrauchten Redenart „Na, du bist mir ein Held!" gelang Essig der ideale Übergang vom ernsten zum heiteren Teil seiner Deutsch-Stunde der etwas anderen Art. Dann wurde der Mythos von Achilles bemüht, um zu erläutern, weshalb wir heutzutage den Schwachpunkt eines Menschen gerne metaphorisch als seine Achillesferse bezeichnen, wohingegen die Bezeichnung „Schwedische Gardinen" für Gefängnis einen prosaischeren Ursprung hat, nämlich die Tatsache, dass für die Gitterstäbe vor Gefängniszellen gerne Stahl aus Schweden verwendet wurde. Wer sich mit Unschuldsmiene dumm stellt und sagt: "Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts", der bezieht sich nicht auf ein Tier, sondern auf einen Studenten im 19. Jahrhundert namens Hase, der einem polizeilich gesuchten Kommilitonen seinen Ausweis lieh und sich später vor Gericht wiederfand, wo er sich auf Unwissenheit hinausredete.

 

Da Rolf-Bernhard Essig stets auf der Jagd nach aktuellen Redensarten ist, erfuhren wir auch, dass die Österreicher ihren Kontrahenten nicht „die Fresse polieren", sondern „die Wadeln nach hinten drehen" und die Amerikaner „totally swiss" sind, wenn ihnen etwas egal ist. Die Tatsache, dass manche Redensart auf Vorurteilen gegenüber anderen Nationalitäten beruht, zeigt sich in Wendungen wie „sich auf Französisch verabschieden" , wenn man heimlich geht, oder „saufen wie ein Deutscher", wenn man dem Alkohol zu sehr zuspricht. Dabei ist bemerkenswert, dass die so gebrandmarkten Nationen gerne den Spieß umdrehen. Wer sich in Frankreich heimlich aus dem Staub macht, der hat sich „auf englisch verabschiedet". Und wer in Deutschland deutlich über den Durst trinkt, der säuft „wie ein Russe". Schließlich verriet der Autor noch einen seiner Lieblingssprüche. Es handelt sich um einen Ausspruch des Propheten Mohammed: Die Tinte, die aus der Feder eines Schülers fließt, ist mehr wert als das Blut eines Märtyrers.

Felix Huby - Deutschlands Krimi-König

 

Die Schüler der zehnten Jahrgangsstufe des Platen-Gymnasiums kamen am 14.11.2011 in den Genuss einer Lesung und eines Gesprächs mit dem renommierten Schriftsteller Felix Huby. Der 72-Jährige gilt als Deutschlands bekanntester und erfolgreichster Drehbuchautor, hält Drehbuch-Seminare und schreibt Theaterbearbeitungen und Hörspiele. Er hat Romanvorlagen und Drehbücher für etliche Tatort-Folgen verfasst, so z.B. für Bienzle, Palu und Casstorff. Auch der Berliner Kommissar Peter Heiland entstammt seiner Feder. Als Autor der Pilot-Folgen von „Schimanski" (Götz George) und „Rosa Roth" (Iris Berben) hat er diesen Ermittlern ihr typisches Profil gegeben. Ferner stammen von ihm  der  spannende Kinder-Krimi „Paul Pepper", das Drehbuch zur fünften Verfilmung der „Geierwalli" mit Christine Neubauer in der Titelrolle und diverse Folgen des „Großstadtreviers". Etliche TV-Serien gehen ebenfalls auf sein Konto: „Oh Gott, Herr Pfarrer" mit Robert Atzorn, „Zwei Brüder" mit Fritz und Elmar Wepper sowie ein „Bayer auf Rügen" mit Wolfgang Fierek, um nur einige zu nennen. Für unsere Schüler besonders  interessant war natürlich der Umstand, dass Felix Huby die ersten 260 Folgen der ersten deutschen Daily Soap „GZSZ" geschrieben hat, welche nach über 4800 Folgen immer noch erfolgreich ausgestrahlt wird und RTL weiterhin Rekordeinnahmen bei den Werbeblöcken beschert. Huby beherrscht also eine große Bandbreite von Genres. Er kennt sich in den seichteren Gefilden der Unterhaltung ebenso aus wie auf höchstem Niveau. Immerhin hat er u.a. in Wien den wichtigsten Fernsehpreis, die „Goldene Romy", für das beste Drehbuch des Jahres 2006 für die Tatort-Folge „Bienzle und der Tod im Weinberg" erhalten. Außerdem ist er Träger des Robert-Geisendörfer-Preises und des Berliner Krimi-Preises.

 

Den Schülern erzählte Huby in Stichworten seinen Werdegang: Bevor Felix Huby Drehbücher schrieb, war er Journalist. Er hat als Werbetexter gearbeitet, war Chefredakteur des Warentestmagazins DM und schrieb für den SPIEGEL. Eine SPIEGEL-Recherche war es auch, die seine Anfänge als Krimi-Autor begünstigte. Bei einer Recherche über Mülldeponien stieß Huby auf allerlei Ungereimtheiten. Mangels eindeutiger Beweise für  eine tragfähige journalistische Dokumentation ließ sich Felix Huby von seiner Recherche-Arbeit zu seinem Bienzle-Roman „Atomkrieg in Weihersbronn" inspirieren, der 1977 erschien und für den der seriöse Journalist  Eberhard Hungerbühler  (so Hubys bürgerlicher Name) sich das uns allen bekannte  Pseudonym zulegen musste. Der Bienzle-Krimi ist auf eine besondere Weise erzählt, nämlich ausschließlich aus Sicht des Kommissars, was wiederum die Verantwortlichen der Bavaria-Filmstudios auf Felix Huby aufmerksam werden ließ, als sie 1981 vorhatten, eine neue Krimi-Serie aus der Taufe zu heben. So kam es dazu, dass Huby in Zusammenarbeit mit dem Hauptdarsteller Götz George, die Figur des Ruhrpott-Kommissars Schimanski entwickelte und in nur wenigen Tagen das Drehbuch für die erste Folge schrieb, welche nahezu unverändert auch genau so abgedreht wurde. Dies sei keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Denn ein Drehbuchautor müsse durchaus damit rechnen, sein Skript sechs- bis achtmal umschreiben zu müssen. Ein Recht darauf, alle Folgen mit der einmal erdachten Figur zu schreiben, hat man - selbst als namhafter Drehbuchautor - allerdings nicht. Da die Bienzle-Krimis aber bereits in Romanform existierten, besaß Huby hier ausnahmsweise das Monopol für den Drehbuch-Auftrag, was insofern interessant ist, als Arbeiten für das Fernsehen - im Vergleich zum Buchverkauf - ein Vielfaches an finanziellem Verdienst einbringen. An den neueren Tatort-Folgen - egal aus welcher Stadt - bedauert Huby, dass ihnen das Lokalkolorit immer mehr abhanden komme.

 Hatte Huby bei der LesArt-Abendlesung in der Reitbahn seinen noch druckfrischen letzten Bienzle-Roman „Adieu, Bienzle" im Gepäck, so brachte er bei der Schullesung Auszüge aus dem Peter-Heiland-Krimi „Null Chance" zu Gehör, in welchem es um Jugendgewalt und ihre Ursachen geht. Abschreckend, weil erschreckend gerieten die Schilderungen von verbalen Demütigungen und körperlichen Übergriffen. Erhellend war der Einblick in die Familien der jugendlichen Gewalttäter, in denen oft die Ursache der Misere liegt. Man kann also einen Roman über Gewalt schreiben, ohne ihr darin aufdringlich großen Raum zu geben. Vielmehr ging es dem Autor um das Vorher und das Nachher solch erschütternder Taten. Für den Roman „Null Chance" hat der Autor u.a. an Berliner Brennpunktschulen recherchiert. Somit findet sich im Kontext des fiktiven Romans manch wahres Einzelereignis wieder. Kritisch sieht Huby die sehr reale Entwicklung, dass momentan an den Berliner Brennpunktschulen die Ordnungskräfte, welche Lehrern und Schülern bisher noch ein gewisses Maß an Sicherheit verliehen, abgezogen werden. Die Angst geht um!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Im Gespräch mit den Schülern stillte Huby auch die Neugier manches „GZSZ"-Fans. Er klärte das jugendliche Publikum darüber auf, dass „Gute Zeiten, schlechte Zeiten" eigentlich eine australische Serie war, die auf deutsche Verhältnisse übertragen werden sollte. Huby, der sich ursprünglich nur für 30 Folgen verpflichten lassen wollte, merkte bald, dass es nicht genügte, den australischen Plot zu übernehmen und das Känguru durch einen Schäferhund zu ersetzen. Deshalb regte er an, eigenständige Handlungen zu entwickeln und tat dies dann auch, worauf die Zuschauerquoten schlagartig nach oben schnellten. Er selbst würde sich  zutrauen, heutzutage eine Folge dieser Daily Soap locker in der Badewanne zu diktieren. Ernsthaft daran mitschreiben möchte er nicht mehr, da sich sehr viel an der Arbeitsweise in Richtung Arbeitsteilung geändert habe. So gibt es inzwischen Spezialteams für Liebesdialoge oder für den Spannungsaufbau.

 Hatte einem zuvor bei der Krimi-Lesung der Atem gestockt, durfte am Ende doch noch herzhaft über Anekdoten von Hubys seltenen Auftritten am Set gelacht werden. Zum Beispiel trat er in der Serie „Zwei Brüder" in einer Szene selbst als Richter auf. Da er sich dabei mehrfach verhaspelte, bekam er schließlich - scherzhaft - zu hören, dass er nun wohl zugeben müsse, dass man die Dialoge dieses Drehbuchautors kaum richtig sprechen könne.

 Das Drehbuch-Schreiben will Huby künftig eher den jüngeren Generationen überlassen. Aufs Altenteil zieht er sich dennoch nicht zurück. Denn er hegt Pläne für einen Roman, in welchem seinem  Heimatort, Dettenhausen bei Tübingen, und dessen Bewohnern eine tragend Rolle zukommen wird. Und natürlich signiert er - wie auch nach dieser Lesung - weiterhin seine Krimis.

Martina Herda

 

 

 

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